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Leseprobe

Schule hab ich mir ganz anders vorgestellt

Die 5. Woche

Adrian hätte vielleicht gleich zu Hause bleiben sollen. Er fühlte sich nicht gut am Morgen, aber richtig krank war er auch nicht und seine Mutter sagte zu ihm: »Jetzt gehst du erst mal in die Schule, und wenn es dir nicht besser wird, sagst du deiner Lehrerin Bescheid und rufst mich vom Schulbüro aus an. Dann hole ich dich sofort ab. Bestimmt ist aber in spätestens einer Stunde alles wieder gut.«
Aber nichts war gut, im Gegenteil. Schon zweimal musste er während des Unterrichts auf die Toilette laufen, weil es in seinem Bauch so heftig rumorte, dass Adrian dachte, die ganze Klasse könne es hören. Als er zum dritten Mal hinauswollte, fragte seine Lehrerin, ob es nicht besser wäre, wenn er sich abholen ließe. »Eigentlich ganz schön lieb von ihr«, dachte Adrian. Aber zunächst musste er jetzt ganz schnell raus. Trotz seiner Eile versuchte er, die Tür leise hinter sich zu schließen. Dann rannte er den Gang entlang bis zum Jungen-WC. Es war schon kurz vor der Pause und zwei größere Schüler standen davor. Er drückte sich an ihnen vorbei, doch die beiden folgten ihm in den Vorraum nach. Einer hielt die Tür zur Toilettenzelle zu und der Andere sagte: »Du darfst hier nur rein, wenn du mir auf der Stelle zwei Euro gibst.« Entsetzt schaute Adrian ihn an. Er hatte keine zwei Euro. Nicht mal einen, und wenn er jetzt nicht sofort auf die Toilette ginge, würde er in die Hosen machen. Das spürte er ganz genau. Ihm wurde siedend heiß und sein Bauch zog sich in immer heftigeren Krämpfen zusammen, dass er einfach nicht mehr stehen konnte. Er rutschte an der Wand entlang und hielt sich mit beiden Händen seinen Bauch. Die Jungen lachten und sagten: »Also gut, geh rein, aber morgen bringst du uns die zwei Euro in der Pause hier her. Wir warten auf dich. Und wehe, du kommst ohne die Mäuse!« Dabei erhob er seine Faust und ließ sie spielerisch vor Adrians Gesicht hin und her tanzen. Ihm war schwarz vor den Augen, als der Weg endlich frei war, und er sich auf Händen und Füßen in die Toilettenzelle zwängte, an der Tür hochzog und den Riegel vorschob. Blitzschnell zog er sich seine Hose runter und setzte sich auf die Schüssel. Fast augenblicklich fühlte er eine große Erleichterung und atmete tief durch. Erst langsam dämmerte ihm, was er gerade erlebt hatte. Was sollte er jetzt tun? Es seiner Lehrerin sagen? Oder der Mama? Am besten dem Papa, der würde es denen schon zeigen! Aber dann dachte er daran, dass sie ihm bestimmt wieder hier auflauern würden und dann wäre er ja wieder ganz allein und ohne Mamas oder Papas Hilfe. Nein, er musste das selbst schaffen. Er musste sich die zwei Euro besorgen und sie diesen ekligen Jungen geben. Er wischte sich ein paar Tränen ab, die ihm, ohne dass er es bemerkt hatte, aus den Augen liefen. Er fühlte sich sehr allein, hatte Angst und wusste auch nicht, wie er an das Geld gelangen könnte. Inzwischen hörte er im Vorraum der Toilette laute Stimmen der Kinder, die jetzt in die Toilettenräume drängten. Es musste also schon Pause sein. Nicht einmal das Rasseln der Pausenklingel hatte er gehört! Aber wenigstens waren jetzt seine Bauchschmerzen weg. Adrian zog sich langsam wieder an, drückte auf die Spülung und ging hinaus zum Händewaschen. Die Jungen redeten laut von allem, was sie gerade während des Unterrichts erlebt hatten, lachten und jeder wollte mit seiner Stimme den Anderen übertönen. Wenn ihr wüsstet, was ich gerade erlebt habe, dachte er, und war froh, als er wieder draußen war. Er ging zum Lehrerzimmer und fragte nach Frau Hoffmann. Sie kam auch gleich an die Tür, schaute ihn nur an und sagte dann zu ihm: »Setz dich mal hier auf diesen Stuhl, ich ruf jetzt gleich deine Mutter an, damit sie dich abholen kommt. Und bleib hier sitzen, bis sie da ist.« Dabei strich sie ihm mit der Hand über den Kopf. Das tat gut und ein kleines bisschen tröstete es Adrian. Als dann seine Mutter kam und ihn mit besorgter Mine ansah, ließ er sich gerne von ihr an der Hand nach draußen führen. Auch wenn er längst kein Baby mehr war!

Zu Hause brachte ihn seine Mutter gleich ins Bett. So richtig schön mit Wärmflasche, Tee mit Honig und seiner Lieblingskassette. Ja, die durfte er auch hören. Adrian fühlte sich schon fast wieder versöhnt mit der Welt. Wenn …, ja, wenn da nicht die Angst vor morgen wäre. Selbst wenn er noch einen Tag länger im Bett bleiben durfte. Dann käme das »Morgen« lediglich einen Tag später. Er schob die Decke zur Seite und schlich auf Zehenspitzen durchs Zimmer und holte das kleine dicke Sparschwein vom Schrank. Er schüttelte es. Es fühlte sich nicht besonders gut gefüllt an. Mit dem Schlüssel, der dem Schweinchen unter dem Bauch festgeklebt war, öffnete er es und drehte es um. Ein paar Münzen fielen heraus. Eine rollte über den Boden und er erschrak, weil er dachte, seine Mutter könnte es unten in der Küche gehört haben. Schnell nahm er die Geldstücke in die Hand, steckte zwei wieder hinein, damit es wieder klapperte, verschloss die Öffnung und stellte es zurück auf den Schrank. Dann flitzte er, so schnell er konnte, zurück in sein Bett. Er atmete auf, horchte noch, ob die Mutter heraufkommen würde und als er merkte, dass sie das nicht tat, öffnete er endlich die Finger seiner Hand und sah hinein. Schnell zählte er seine Schätze zusammen. Es waren 3 Euro und 45 Cent. Erleichterung breitete sich in ihm aus. Damit würde er diese Fieslinge zufrieden stellen können. Jetzt musste er keine Angst mehr vor morgen haben. Er schloss die Augen und dachte an die vergangenen Wochen, an alles, was er erlebt hatte, seit er in der Schule war. Und das war eine ganze Menge. Er erinnerte sich noch ganz genau daran, wie er glücklich und voller Vorfreude auf die Schule am Morgen seines ersten Schultages erwacht war.

 

Der erste Schultag

 

Seine Mutter hatte ein besonderes Frühstück vorbereitet. Der Tisch war geschmückt mit Luftschlagen und großen Papierblüten, die sie selbst noch am Vorabend angefertigt hatte. Das Beste war natürlich der knallgelbe Schulranzen, der an seinem Platz stand, mit einem farblich dazu passenden Stifte-Mäppchen und einem Beutel für die Turnschuhe. Und auf seinem Stuhl stand, an der Lehne befestigt und mit einer Jacke verkleidet, seine Schultüte. Toll sah das aus! Als ob da einer saß, dem aus dem Kopf schon Süßigkeiten quollen. Eigentlich war seine Mutter nicht so für Süßigkeiten, aber für ihn war es das beste Essen, was es gab. Und diesmal hatte sie eine Ausnahme gemacht. Das fand er klasse von ihr und dankte es, indem er ihr jubelnd um den Hals fiel. Zum Glück aß er auch sehr gerne rohe Möhren, Kohlrabi, Radieschen und Gurken. Besonders wenn seine Mutter sie als kleine Monster über den Tisch krabbeln ließ, wie heute, dachte er, und zog sich mal gleich eines zu seinem Tellerrand. Lustige Zähne hatten sie und diese Glupschaugen! Seine Mutter hatte schon Ideen.

Freie Schriftstellerin & Hobbymalerin | schudebu@aol.com