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Leseprobe

Strophanthus g

 
Vorwort
Dieses Buch ist entstanden aus dem Miterleben heraus, welchem Gegenwind Menschen ausgesetzt sind, die sich dafür einsetzen, den Herzwirkstoff Strophanthin, der aus der Pflanze Strophanthus gratus gewonnen wird, von Medizinern, Pharmakonzernen, Krankenkassen und der Politik als das wahrgenommen zu werden, was er ist, nämlich: der Lebensretter Nummer 1!

Warum das heute nicht so ist, obwohl von denen die das Medikament einsetzen eine Erfolgsquote belegt werden kann, von der die Schulmedizin mit ihren fünf Standardmitteln mit teilweise enormen Nebenwirkungen nur träumen kann, wird in dem vorliegenden Buch, in ansprechender und unterhaltsamer Weise dargestellt. Viele auf Wirklichkeit beruhende Ereignisse sind verwoben mit einem gehörigen Schuss Fantasie. Das Ergebnis ist kein wissenschaftlich relevantes Aufklärungsbuch, sondern ein leichter Medizinkrimi mit tragischem Unterton. Also Achtung beim Lesen: Risiken (dass Sie ins Grübeln geraten) und Nebenwirkungen (dass Sie zum Strophanthin-Fan werden) sind nicht auszuschließen. Bei Fragen wenden Sie sich an das Internet: Strophanthin, Herzinfarkt oder an die Homepage von Dr. Debusmann: www.strophantus.de

 

Zum Buch selbst:

Ein Patient stirbt, nachdem er eine harmlose Blinddarmoperation bestens überstanden hat, an einem Herzinfarkt. Der behandelnde Professor hat ihm über zwei Tage lang kein Strophanthin gegeben, das der Patient sonst dreimal täglich einnimmt. Der Arzt ist sich keiner Schuld bewusst, da er nach den ärztlich geltenden Maßstäben richtig gehandelt hat.
Die Ehefrau des Patienten bringt einen Prozess in Gang, der in ein Gerichtsurteil mündet. Dazwischen passiert viel: Eine Erpressung, ein Mordversuch, Nötigung und Verleumdung. Aber auch Freundschaften aufgrund gemeinsamer Ideale werden geschlossen und Saulus wird zum Paulus.

Ein nicht zu unterschätzendes Nebenthema ist der Umgang mit einem geliebten Verstorbenen.
Hier sind eigene Erlebnisse verwoben mit Gedanken aus der Hospizbewegung. Ergreifende, aber nie sentimentale Momente führen den Leser zur Auseinandersetzung mit Fragen wie: Was tue ich, wenn mein Partner stirbt? Gibt es Rituale, die mir helfen, allein weiterzuleben? Wie kann ich trauern, ohne mein Leben aus den Augen zu verlieren? Wann „darf“ ich wieder neu lieben?
Die Antworten auf diese Fragen sind etwas unkonventionell und sollen, wie gesagt, lediglich Anregung sein, sich eigene Gedanken zu diesem Thema zu machen.

1. Kapitel

1. Tag, Montag

 

Seine Sekretärin hatte ihn bereits vorgewarnt. Deshalb atmete er noch einmal tief durch, ehe er mit entschlossenen Schritten auf die Tür zuging und sie öffnete. Wie oft hatte er das schon getan, und meistens schloss sich ein Routinegespräch daran an. Aber diesmal war es anders. Er ahnte, was auf ihn zukam. Er hatte vorhin der immer hysterischer werdenden Stimme gelauscht und später dann erfahren, dass es Frau Renken war, die Frau, deren Mann heute Vormittag hier in seiner Abteilung gestorben war. Unvorhersehbar gestorben. Die Operation, eine Lappalie, eine völlig normale Blinddarmoperation, nicht einmal als Notfall eingeliefert, sondern gut in den Terminplan eingepasst, war ohne alle Komplikationen verlaufen. Schon nach wenigen Stunden konnte der Patient gestern zurück auf sein Zimmer. Er selbst, Professor Beck, hatte ihn noch am späten Nachmittag aufgesucht und alles zu seiner Zufriedenheit vorgefunden. Heute nach der Visite hätte er Herrn Renken in Aussicht gestellt, dass er in wenigen Tagen das Krankenhaus wieder verlassen könne. Und nun das!
Er suchte mit dem Blick schnell die Bankreihe ab. Zwei Bänke weiter rechts sah er sie. Sie machte einen in sich versunkenen Eindruck, weshalb sie ihn wohl auch nicht wahrnahm. Sie saß mit angezogenen Knien, auf den Füßen hockend, auf der Bank. „Ungewöhnlich“, schoss es ihm durch den Kopf, „für eine Frau in unseren Breitengraden.“
Sie war nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Ihr Haar hing ihr in halblangen dunklen Locken über das Gesicht. Sie versuchte, es mit der Hand nach hinten zu streichen, scheinbar ohne zu bemerken, dass diese Geste völlig erfolglos blieb. Er ging die wenigen Meter auf sie zu. Als er direkt vor ihr stand, hob sie langsam ihren Kopf. Und dann ging eine schlagartige Veränderung mit ihr vor. Sämtliche Muskeln ihres Gesichts und ihres Körpers versteiften sich, es schüttelte sie förmlich, als sie ihn anzischte: „Das haben Sie mir angetan! Sie sind daran schuld! Ich hasse Sie und diese ganze verfluchte Ärzteschaft!“
Sie war aufgesprungen und stand am ganzen Körper zitternd vor ihm. Dann brach sie in Tränen aus.
Professor Beck wollte sie am Arm fassen und in sein Gesprächszimmer führen, aber sie schüttelte seine Hand ab, als wäre sie ein widerliches Insekt. Er musste jetzt handeln, sie erregten bereits Aufsehen.
„Frau Renken, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich und kommen Sie mit in mein Zimmer. Ich verstehe Ihre Aufgeregtheit. Lassen Sie uns in Ruhe miteinander reden.“
„Sie, Sie verstehen überhaupt nichts! Wenn Sie verstanden hätten, wäre das nicht passiert, ich will nicht mit Ihnen reden! Oder doch, ich will! Und wie ich will. Sie werden mir das büßen müssen!“
Mit diesen Worten raffte sie sich zusammen und ging, zwar noch etwas strauchelnd, aber trotzdem hoch erhobenen Kopfes, vor ihm her und in das Zimmer, dessen Tür noch immer weit offen stand.
Professor Beck atmete erleichtert auf, schritt hinter ihr her, schloss die Tür und schob ihr einen Stuhl entgegen. Er selbst nahm nicht hinter seinem Schreibtisch Platz, sondern zog sich seinen Stuhl seitlich davon, sodass er ihr etwas näher gegenübersaß. Für einen Moment trat Stille ein. Dann begann er: „Liebe Frau Renken, ich weiß, wie Ihnen zumute ist. Glauben Sie mir. Auch für mich gehört es zum Schlimmsten, wenn ich erleben muss, dass meine ärztliche Kunst nicht alles vermag. Dass es noch Unvorhersehbarkeiten gibt, auf die ich, wir Ärzte allgemein, keinen Einfluss haben.“ Er machte eine Pause und rückte sich seine Brille zurecht, eine Gebärde, die er immer dann machte, wenn er sich unwohl fühlte in seiner Haut. „Sehen Sie, es verlief mit der Operation doch alles völlig normal und erfolgreich. Sie können das, falls Sie es wünschen, anhand der Dokumentation nachvollziehen. Ich verzeihe Ihnen Ihren Ausbruch und die damit ausgesprochenen Anschuldigungen und führe beides auf den großen Schmerz über den plötzlichen Tod Ihres Mannes zurück. In ein paar Tagen werden Sie das einsehen können.“
Aber jetzt fiel ihm die Frau, die zusehend unruhiger geworden war, ins Wort: „Nichts, gar nichts werde ich einsehen. Aber Sie werden etwas sehen, etwas erkennen, wenn Sie nur nicht so schrecklich überheblich und eingebildet wären. Mein Mann hat mir von dem letzten Gespräch mit Ihnen, am Tage vor der Operation, erzählt. Er hat Sie ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er selbstverständlich nüchtern zur O. P. kommen wird, aber keinesfalls auf sein Strophanthin verzichten kann, das er dreimal täglich braucht. Lebensnotwendig braucht! Und Sie haben gesagt, dass Sie sich persönlich darum kümmern werden. Auch wenn Sie glauben, dass es sich dabei nur um ein Placebo handelt. Als ich vorhin den Nachttisch meines Mannes abgeräumt habe, lag die gesamte Dosis von gestern Morgen bis heute Morgen, also insgesamt vier Mal zwei, das sind acht Kapseln Strophanthin, unbenutzt in seinem Pillendöschen auf dem Tisch. Sie hätten es ihm gestern geben, oder eine Schwester damit beauftragen müssen. Mein Mann war aufgrund der Narkosenachwirkung nicht dazu in der Lage, selbst für sich zu sorgen!“ Sie hielt sichtlich erschöpft inne, sodass Professor Beck die Gelegenheit zu einer Antwort nutzte.
„Liebe Frau Renken, Sie erheben schon wieder Vorwürfe gegen mich. Es fällt mir schwer, dabei ruhig zu bleiben. Sie können sich im ganzen Krankenhaus umhören, alle Kollegen befragen, wenn Sie wollen sämtliche Ärzte in der ganzen Stadt. Alle werden Ihnen bestätigen, dass Strophanthin absolut unwirksam ist und noch keinen einzigen Menschen vor einem Herzinfarkt bewahrt hat. Das Medikament, so es überhaupt als ein solches bezeichnet werden kann, wurde früher, vor zwanzig Jahren einmal, als es noch nichts anderes gab, verwendet. Aber heute haben wir doch so viel bessere Möglichkeiten, mit Blutverdünnern, Betablockern, ACE-Hemmern, Stents, Bypässen, bis hin zum Ersatzherzen. Da ist doch Strophanthin einfach lächerlich. Ja, ich gebe zu, dass ich dafür verantwortlich bin, dass es Ihrem Mann nicht verabreicht worden ist. Ihr Mann und ich hatten im Vorfeld einen kleinen Disput deswegen und ich wollte ihm zeigen, dass er sich das mit dem Strophanthin nur einbildet. Sein Herzinfarkt hat allerdings mit dem nicht eingenommenen Strophanthin nicht das Geringste zu tun. Das können Sie mir wirklich glauben. Ich weiß, wovon ich spreche.
Hätte Ihr Mann noch irgendwie auf sich aufmerksam machen können, heute Morgen, hätten wir ihn mit unseren Methoden retten können. Aber wir kamen etwas zu spät. Die Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Damit werden Sie leben müssen, Frau Renken. Und ich auch.“
Inzwischen wirkte auch Professor Beck ziemlich angegriffen und machte Anzeichen das Gespräch zu beenden. „Wenn Sie möchten, können wir uns, wenn Sie in ein paar Tagen etwas ruhiger geworden sind, noch einmal unterhalten. Jetzt muss ich Sie bitten, zu gehen. Es warten noch viele Patienten auf mich.“ Er erhob sich und auch Frau Renken stand auf.
„Ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen, verlassen Sie sich darauf“, sagte sie und ging zur Tür. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie hinaus. Ihre anfängliche Versunkenheit, ihre Trauer, dann ihre Wut, hatten jetzt einer Entschlossenheit Platz gemacht, die sich in ihrer Haltung, ihrem Gang und ihrem ganzen Wesen zeigte.
Professor Beck ließ sich auf seinen Stuhl fallen, den er wieder hinter seinen Schreibtisch gezogen hatte. Er nahm die Brille ab und bedeckte einen Moment mit den Händen seine Augen. Er fühlte sich völlig erschlagen. Was für ein Tag! Erst die ganze Aufregung mit dem Herzinfarkt, dem vergeblichen Versuch der Wiederbelebung, die niederschmetternde Erkenntnis, dass es nicht in seiner Macht stand, den Patienten zu retten, und dann auch noch Vorwürfe. Ungerechte Vorwürfe, von einer Frau, die völlig verzweifelt sein musste, wenn sie sich so weit hinreißen ließ.
Er setzte sich seine Brille wieder auf, schaute auf die Uhr und griff dann zum Telefonhörer.
„Frau Hiechert“, sagte er, als seine Sekretärin sich mit ihrem kurzen aber freundlichen „Ja bitte?“, meldete. „Benachrichtigen Sie bitte meine Frau, dass es heute etwas später wird. Ich denke, so gegen 21 Uhr kann ich zu Hause sein.“

Er richtete sich auf und verließ den Raum, um seinen Aufgaben, die noch auf ihn warteten, nachzugehen. Im Hinausgehen griff er zu seinem alten Trick, wenn er präsent sein musste, aber innerlich eigentlich mit einem Problem beschäftigt war: Er ließ seine Sorgen im Raum zurück, hängte sie gewissermaßen an den Kleiderhaken, wie einen Mantel, den er erst wieder anzog, wenn er nach Hause ging.

Freie Schriftstellerin & Hobbymalerin | schudebu@aol.com