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.... S. 12

Habe ich schon erwähnt, dass ich in Berlin geboren wurde? Nicht irgendwo in Berlin, sondern in Berlin-Neukölln, Pannierstraße 6. Ich weiß, was Sie jetzt denken: Neukölln, Problemviertel, hohes Ausländeraufkommen usw. Ist da nicht auch irgendwo die Rütlischule in der Nähe? Ja, ja stimmt alles! Aber meine Pannierstraße war ganz anders - und davon will ich ein wenig erzählen.

Zunächst war da erst einmal "mein" Haus, Pannierstraße 6. Ein Haus, auch damals schon ganz sicher nicht die beste Adresse, aber ganz nett anzusehen, hellgrau, und irgendwann auch einmal hellgelb. Nicht schlecht. Das Haus hatte vier Stockwerke, einen Hof, Seitenflügel und Hinterhaus. Wir wohnten im Vorderhaus, hatten einen kleinen Balkon, den meine Mutter jeden Sommer mit "fetter Henne" bepflanzte, was für uns den Inbegriff an botanischen Freuden bedeutete. Grün, pflegeleicht und den ganzen Sommer über rot und rosa blühend. Dieser Balkon hatte eine Wand in der Mitte, die einen Sichtschutz zum Balkon der Nachbarwohnung bot. So kam es, dass sich alle nur flüsternd unterhielten, wenn sich die Nachbarfamilie auch auf dem Balkon befand. Da Flüstern fast automatisch eine gewisse Spannung erzeugt, waren für mich die Aufenthalte dort immer mit etwas Abenteuerlichem verbunden. Schließlich ging es nicht so sehr darum zu hören, was die eigene Familie erzählte, sondern was man von den Nachbarn erlauschen konnte!

.... S. 17

Was für nachfolgende Generationen das Sandmännchen, war für uns die Abendbrotgeschichte, die unser Vater uns erzählte. Das war an Spannung nicht zu überbieten und stellte selbst unsere tollkühnsten Abenteuer in Berlins Straßen und Parks in den Schatten. Er betonte immer, dass alles wirklich auf Wahrheit beruhte und er ganz genau aus Erfahrung wisse, wie sich alles zugetragen hatte. Erst viel später bemerkte ich, dass die Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand wohl doch nicht von ihm persönlich erlebt sein konnten. Aber das war dann eigentlich egal. Uns hat er glücklich gemacht mit seiner Fantasie! ....

.... S. 27

Sie können mir glauben, wenn Sie mich als Kind mit verbundenen Augen durch mein Viertel geführt und dann durch meine Straße gegangen wären - ich hätte es gerochen! Die Straße hatte einen unverkennbaren Geruch, der übrigens an Wochentagen anders war als Sonntags. An Sonntagen überwog der Geruch des Pflasters, der Mauern, der Bäume, während an den Wochentagen die Gerüche der einzelnen Geschäfte die Einzigartigkeit der Pannierstraße ausmachten.

.... S 30/31

Nach dem Friseur kam der Zeitungsladen. Wussten Sie, dass auch Zeitungen, in Verbindung mit Zigaretten und offen zur Schau gestellten Zigarren, einen unwiderstehlichen Duft verströmen? Auch dieser Laden war ein Genuss, insbesondere auch deshalb, weil die Besitzerin hinter dem Laden wohnte und mit ihr ein bildhübscher Junge namens Marius. Er hatte wunderschöne dunkle Locken und es gab sicher kein Mädchen, das sich nicht irgendwann im Laufe seiner Kindheit in ihn verliebte. Ich erledigte das schon ziemlich früh und hatte so den Kopf wieder frei für die Abenteuer mit meinen Brüdern. Allerdings hatte dieser Laden noch einmal, viel später, eine besondere Bedeutung für die Pannierstraßenjugend. Es gab dort nämlich ein Telefon, das man gegen ein kleines Entgelt benutzen durfte. Von dort aus führte ich meine ersten verliebten Telefongespräche, wobei ich immer genau aufpassen musste, was ich sagte. Schließlich war fast immer jemand im Laden und wer möchte schon Zuhörer dabei haben, wenn die ersten schüchternen Zärtlichkeiten ausgetauscht werden? ....

 

Freie Schriftstellerin & Hobbymalerin | schudebu@aol.com